1992 / 1995

Die Bilder zeigen nicht die Großstadt unserer Tage, nicht die reprĂ€sentativen GebĂ€ude und PlĂ€tze, nicht den gegenwĂ€rtigen Vereinigungs- und Wandlungsprozeß, sondern einen imaginĂ€ren und verwunschenen Ort, ein Dorf Berlin.

Ich bin im Winter 1992 von Dortmund nach Berlin gekommen. Es war eine Zeit innerer Stagnation. Es war die Zeit der Ressentiments. Rechtsradikale verĂŒbten BrandanschlĂ€ge. Lichterketten zogen friedfertig dagegen aus. Ich stellte eine symbolische Kerze ins Fenster zur Straße - aber ging nicht hinaus. Ich nahm Berlin als eine Bedrohung wahr. So wie ich die Stadt in diesem Winter kennenlernte, weckte sie die Angst in mir, ihre Vergangenheit sei nicht ĂŒberwunden, sondern könne unentwegt wiederaufleben.

Meines Erachtens besteht fĂŒr das Gedenken notwendig kein kausaler Zusammenhang zwischen dem Gegenstand der Anschauung und dem geistigen Prozeß der Erinnerung, den er in Gang setzt. Ich habe Assoziationen in Richtung der Vergangenheit, deren Ursprung nicht in Dokumenten und Zeugnissen liegt, sondern aus willkĂŒrlichen Zeiterscheinungen hergeleitet werden kann.

Torstraße, Fehrbelliner Straße, Alexanderplatz, Heinrich-Heine-Allee, Hohenschönhausen, Plötzensee, Blankenburg, Sachsenhausen, Falkensee, RĂŒdersdorf - die verschiedenen Orte der Aufnahmen werden nicht voneinander differenziert. Die Bilder der Mahn- und GedenkstĂ€tten in und um Berlin stehen neben anderen Bildern, die kaum mit ihnen zu tun haben. Jedes einzelne Bild gibt einen reduzierten und in sich geschlossenen, einen gerichteten Blick ohne viel Horizont frei. Die gleichmĂ€ĂŸige Anordnung aller Bilder der Serie hingegen suggeriert eine Monotonie, die ĂŒber WidersprĂŒche hinwegtĂ€uscht.

Ich wollte Berlin fotografieren, ohne die Stadt, wie jeder sie kennt, vorzufĂŒhren, ich wollte ein Bild der schmerzlichen Vergangenheit wiedergeben, das ebensowohl mit heute zu tun hat. Auch die Orte der Zerstörung wollte ich nicht so zu erkennen geben, daß man gleich wĂŒĂŸte, wovon die Rede sei. Ihr Anblick sollte den vorgeprĂ€gten Anschauungen, den topoi der Geschichte, nicht entsprechen. Die Bilder sollten reflektiert werden mĂŒssen aus der Sicht der Gegenwartserfahrung und auf sie bezogen.

Mein Verhalten als deutscher Fotograf war so, daß ich mir vornahm, mich möglichst zurĂŒckzuhalten. Ich stellte den Menschen aus einer anderen Zeit, deren NĂ€he ich suchte, keine Fragen. Ich habe nicht erwartet, etwas zu verstehen. Mein Fotografieren war immer nur eine AnnĂ€herung aus zu großer Entfernung. Es war die stete Wiederaufnahme der Richtung meines Interesses auf ein Ziel, das außer Reichweite liegt. Meine Bilder sollten den inneren Kreis der Erfahrungen des anderen nicht zu durchdringen versuchen. Sie sollten nur das Schweigen im Umkreis dieser Erfahrungen zum Ausdruck bringen.

Die Gedenkveranstaltungen zum 50. Jahrestag des Endes des 2. Weltkriegs zeigten, daß es nur wenige sind, die nach dieser langen Zeit noch in der Lage sind, wirkliches Zeugnis abzulegen. Wenige, aber sie kamen von ĂŒberall her. Sie brachten ihre Familien mit. Kaum eine NationalitĂ€t, die nicht vertreten war. Mir wurde klar, daß es nicht die deutsche Vergangenheit war, der 1995 gedacht wurde. Darum wĂ€hlte ich einen Titel in französischer Sprache. C'Ă©tait son monde, zu deutsch: es war seine Welt, - das sollte heißen: es war die Welt eines anderen.

Ich sah es in meiner Arbeit als eine Aufgabe an, das Gedenken - und weiter gefaßt: das Erkennen - in das dem Auge verschlossene Innere des Menschen zu verlegen. Alles Sichtbare ist nur ein unzureichender Weg zur Erkenntnis, die jeden einzelnen unvorbereitet trifft.

Erik Schiemann, Leipzig 1995.

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The pictures do not show the city of our days, nor the representative buildings and places, nor the present process of unification and changing, but an imaginary and enchanted place, Berlin as a village.

I came from Dortmund to Berlin in winter 1992. It was a time of inner stagnation. It was a time of resentments. Radicals of the political right wing set houses of immigrants on fire. Processions with candles would face them peacefully. I put a symbolic candle in my window facing the street – but did not go out. I perceived Berlin as a menace. The way I came to know the city in that winter awoke a fear inside of me. I feared, its past was not overcome, but could unflinchingly come to life again.

In my view, when it comes to commemoration there is not necessarily a link between the object being looked at and the intellectual process of remembering, which the object sets into motion. I have associations that are directed into the past, associations whose origin is not always found in documents and testimonies, but can be derived from random phenomena of our time.

Torstraße, Fehrbelliner Straße, Alexanderplatz, Heinrich-Heine-Allee, Hohenschönhausen, Plötzensee, Blankenburg, Sachsenhausen, Falkensee, RĂŒdersdorf – the various locations are not distinguished. The pictures of places of commemoration in and around Berlin are placed next to other pictures that have hardly anything to do with them.
Every single picture opens a view which is reduced and closed in itself, a directed sight without much of horizon.
The uniform arrangement of all of the series’ pictures, however, suggests monotony, which obscures the contradictions.

I wanted to photograph Berlin, without presenting the city as everybody knows it. I wanted to display a picture of the painful past, a past that has also something to do with today. Nor did I want to show the places of destruction in a way that would disclose their real face. Its sight should not correspond to the presettled opinions, the topoi of history. It was intended that the pictures had to be reflected from a view of present day experience and had to be referred to present day experience.

As a German photographer I tried to restrain myself whenever possible. Though I sought to approach people from another time I did not interview them. I did not expect to understand.
My shooting has never been more than an approach from too far away. While taking photos my interest is constantly directed towards a goal which is out of reach. I did not want my pictures to try to penetrate the inner circle of experience of the other person. They were just meant to express the silence surrounding those experiences.

The commemoration ceremonies regarding the 50th anniversary of the end of World War II showed, that there are only a few, who are, after such a long time, able to bear real witness.
Few, but they were coming from all parts of the world. They brought their families along. There was hardly a nationality that was not represented.

I realized, that it was not the German past that was commemorated in 1995. That is the reason why I chose a French title. ‘C’était son monde’ – in English: ‘That was his world’. That should mean: It was the world of somebody else.

In my work I considered it as a task, to transfer the commemoration – and extendedly: the insight – into people’s inside which is inaccessible by our eyes.
All that is visible is just an insufficient way to insight, which encounters all of us without being prepared.

Erik Schiemann, Leipzig 1995 (translation Katja Plaisant)